100 Jahre Sozialdemokratie im Woid und mehr…
14. September 2018

Nun gut, es hat etwas gedauert, aber bei einem Thema, bei dem es letztendlich um Menschenleben geht, kann ich nicht einfach nur ein paar Zeilen schreiben. Damit muss man sich ernsthaft beschäftigen.

Vorweg will ich doch eines wirklich mal festhalten: kein Mensch dieser Erde kann es sich aussuchen wo und wie er geboren wird. Ich selbst bin 1980 geboren und hatte das Glück, keine Angst haben zu müssen, dass mir Bomben auf den Kopf fallen, nicht hungern oder frieren zu müssen und selbstverständlich eine Schule besuchen zu können. Und ich kann meine Meinung – insbesondere als Frau – kundtun und mein Leben einigermaßen so gestalten, wie ich es für sinnvoll erachte. Dies alles ist, wenn man sich die Welt ansieht, keineswegs überall so. Und wenn wir hier in Deutschland ehrlich zu uns selbst sind, dies war auch lange Zeit bei uns nicht der Fall. Viele haben das anscheinend schon wieder vergessen oder wollen es einfach nicht wahrhaben.

Fluchtgründe gibt es unzählige und eine generelle Lösung, wie damit umzugehen ist, habe auch ich nicht. Ich denke, wir sollten uns zunächst mal einiges bewusst machen. Eine wirkliche Ursachenbekämpfung wird – wenn sie denn ernsthaft versucht wird – Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern. Angefangen bei der Bekämpfung des Klimawandels, über eine Reform des weltweiten kapitalistischen Wirtschaftssystems bis hin zu einem weltweiten Ende von Kriegen und Konflikten; hier gibt es unzählige Bereiche, in denen man tätig werden muss. Dies setzt aber voraus, dass wir uns mehrheitlich darüber einig sind, eine Veränderung herbeiführen zu wollen, und auch bereit sind, zu verzichten. Wir können nicht unsere hochsubventionierten Produkte z. B. auf den afrikanischen Markt werfen und uns dann darüber wundern, dass die heimische Wirtschaft dort nicht mehr konkurrieren kann. Ebenso wenig können wir die Meere vor Ort leer fischen, nach Öl bohren, die Umwelt dort zerstören, ohne dass es den Menschen dort etwas bringt. Wir können uns nicht einen billigen Kaffee oder billige Schokolade leisten, in dem Wissen, dass es Kinderarbeit gibt und einfach nur zusehen – Hauptsache billig. Ebenso, wenn wir die billigsten Textilien oder die neuesten technischen Produkte kaufen und dann noch unseren Elektroschrott dorthin schicken, wo er ohne jegliche Achtung der Gesundheitsgefahr von den dort lebenden Arbeitern und Kindern irgendwie entsorgt und wiederverwertet wird. Es würde wohl keiner seinen Kindern zumuten wollen, hochgiftige Dämpfe einzuatmen, sich an den Sachen zu verletzen, wenn es denn eine Alternative dazu gäbe. Damit wir unser neuestes Handy haben, werden seltene Erden unter schlimmsten Bedingungen dort abgebaut. Ich habe mal ein kleines Buch über Kinderarbeit und hier in erster Linie Mädchenarbeit übersetzt. Das ist einfach nur grausam.

Ich bin für ein Spekulationsverbot auf Grundnahrungsmittel und auch für eine Art Unternehmerhaftung, damit das Unternehmen dafür zu sorgen hat, dass weltweit Sozial- und Umweltstandards eingehalten werden; denn alle Menschen – egal wo sie leben – haben ein Recht auf Leben und eine Zukunft für ihre Kinder. Als kurzfristige Maßnahme muss die UNHCR genug Geld haben, die Menschen vor Ort in ihren Flüchtlingscamps zu versorgen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, 5 Jahre oder länger in einem Camp leben zu müssen oder Kinder gar keine Chance haben, eine Schule zu besuchen. Durch den Klimawandel versteppen immer mehr Gebiete weltweit und dort sind die Böden nicht mehr fruchtbar. Natürlich müssen Menschen auch fliehen, wenn sie auf ihrer Insel nicht mehr leben können, da der Meeresspiegel steigt. Sollen sie denn freiwillig sagen, okay, dann ertrinke ich mal mit meiner Familie? Ich weiß, dass klingt jetzt alles ziemlich apokalyptisch und düster, aber man kann doch Probleme nur wirklich lösen, wenn man sich zuerst mal mit der Realität auseinandersetzt.

Konfliktursachenbekämpfung ist ebenso schwierig und hier gibt es ebenso unzählige Ursachen. Von der willkürlichen Grenzziehung in Zeiten der Kolonialisierung bis hin zu verbrieften Rechten, die Länder an Grund und Boden anderer Länder haben, über Waffenexporte, Korruption und der Diskriminierung von Menschen. Allein über diesen Punkt könnte man ganze Bücher schreiben. Meiner Ansicht nach hilft auch hier nur die Schaffung eines Bewusstseins dafür. Gerade wir hier in Bayern profitieren von der Produktion von Rüstungsgütern und auch hier werden viele gleich einwerfen, wenn wir das nicht machen, dann macht es jemand anderes. Das stimmt wohl auch. Nur die Gegenfrage sei dann auch erlaubt: Wenn niemand beginnt wie soll es sich dann ändern? Und genau das meine ich mit dem „Verzicht“. Vielleicht muss es nicht das „Verzichten“ an sich sein, sondern vielleicht birgt auch die Bereitschaft sich zu ändern – ob als Arbeitnehmer oder Konsument – eine neue Chance? Natürlich sind das alles Dinge, die sich nicht von heute auf morgen umstellen lassen. Es gibt meiner Meinung nach aber schon zahlreiche gute Ansätze, die den Stein ins Rollen bringen. Ob es nun um Fairtrade geht oder darum, dass es Kleinkredite zu fairen Konditionen gibt oder lokale Patenschaftsmodelle, damit Menschen vor Ort eine Chance auf Leben haben; nichts zu tun, bringt uns in jedem Fall einer möglichen Lösung nicht näher. Ich möchte nur mal an das Beispiel der sogenannten Blutdiamanten erinnern – auch hier hat sich eine Veränderung im Verhalten der Menschen eingestellt. Natürlich wird es immer Menschen geben, die aus reinem Egoismus anders handeln werden. Da mache ich mir auch nichts vor. Es hängt immer davon ab, eine Mehrheit für die Durchsetzung eines bestimmten Interesses zu finden. Ebenso darf man nicht vergessen, dass Interessen anderer eine Rolle spielen, denn letztlich profitiert immer jemand von Ausbeutung, Krieg, bewaffneten Konflikten, Umweltzerstörung, Kinderarbeit, Diskriminierung und dem Tod von Menschen. Egal ob großer Konzern oder einfacher Konsument, der – obwohl er genug Geld hat – sich doch das günstigste Produkt besorgt, weil er das dadurch gesparte Geld, dann doch lieber für das neuste Handy ausgibt.

Diese Geiz-ist-Geil-Mentalität werden wir wohl nur dadurch wieder in den Griff bekommen, indem wir sehen wollen, zu welchem Preis wir uns etwas leisten. Wir Menschen verursachen die Fluchtbewegungen und nur wir selbst können was dafür tun, dass sich da auch was ändert. Jeder auf seine Weise. Ich bin jedenfalls dankbar dafür, dass ich mich nicht in ein Schlauchboot setzen muss, um eine mögliche Zukunft zu haben. Ein bisschen mehr Demut täte uns in diesen Dingen wohl allen gut.

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