Fluchtursachen
13. Oktober 2018

Ja, sie sind überall, sie sind wieder da. Ganz einfach und unverblümt geben sie ihr Gedankengut zum Besten. Nicht, dass sie jemals weg gewesen wären. Sie waren immer da, nur jetzt sprechen sie das aus, was sie früher nur insgeheim dachten. Die Gesellschaft hat sich verändert. Das, was vor ein paar Jahren höchstens von ein paar Spinnern zu hören war, ist jetzt in die Mitte der Alltagsgesellschaft gerückt. Worüber ich mir ernsthaft Sorgen mache, das sind nicht die ca. 20 Prozent Wähler der Rechtsradikalen. Nein, es ist vielmehr so, dass unser eigenes Normensystem zu versagen begonnen hat. Vor ein paar Jahren noch hätten sich diese Menschen geschämt, bestimmte Dinge öffentlich zu sagen und sich vor sich selbst geschämt, derartiges überhaupt zu denken.

Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn jetzt einige behaupten, solche Menschen würden wenigstens ihre Meinung kundtun. Jedoch hat man „früher“ gelogen in solchen Fällen. Man sagte bewusst nicht das, was man dachte, weil man wusste, dass diese Meinung in der Gesellschaft keinen Platz hat. Die Tatsache, dass diese Notwendigkeit des Lügens zurückgeht zeigt doch, dass für derartige Meinungen (wieder) Platz in der Gesellschaft ist.

Selbst wenn es Strategie ist, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, kann uns das nicht zufriedenstellen, denn diese Menschen werden gewählt und sitzen in der ganzen Bundesrepublik in den verschiedensten Parlamenten. Ich denke nicht, dass dies dadurch gelöst werden kann, dass man einfach nur „gute“ Politik für die Bürgerinnen und Bürger macht. Denn seien wir mal ehrlich, deren Wähler sind doch nicht in erster Linie die sozial Abgehängten.

Nein, es sind Leute – auch hier bei uns – die in ihrem schuldenfreien Eigenheim wohnen und mindestens ein Auto vor der Tür stehen haben. Es sind Menschen, die gut gebildet sind, die Uniabschlüsse haben, Lehrer oder schlimmstenfalls sogar Richter sind und die leben doch ganz gut von unserem Steuergeld. Ich weiß, das will niemand hören – aber ich denke, wir versuchen uns einzureden, dass das alles wieder verschwindet, wenn man nur „gute“ Politik macht und nicht streitet. Vielleicht weil wir keine Ahnung haben wie wir ansonsten damit umgehen sollen. Es handelt sich schlichtweg um Ausländerfeindlichkeit. Vielleicht hatte Hobbes ja doch Recht.

Eine kleine Alltagsanekdote: Zwei Männer und zwei Frauen – die Kleidung einer dieser Frauen ließ schon auf eine Richtung blicken – unterhalten sich draußen beim Rauchen. Ich stehe daneben. Typ A sagt zu Typ B: Eigentlich bräuchtest du einen AfD-Aufkleber auf deinem Auto. Daraufhin Typ B: Nein, eigentlich ein Hakenkreuz, aber dann würden sie mich rauswerfen.

Genau solche Situationen meine ich. Die soziale Kontrolle funktioniert nicht mehr, diesen Menschen ist es egal, ob etwas sozial erwünscht ist oder nicht. Andere Menschen interessieren sie nicht. Zugegeben, ich selbst war etwas perplex in dieser Situation (hatte diese Typen schon früher gesehen und damit nicht gerechnet), so dass mir spontan nur einfiel „Und das zu Recht“. Woraufhin mich alle vier mit Augen groß wie ein Auto angesehen haben. Zeigt für mich, dass sie nicht allzu oft Widerspruch hören.

Eine Lösung habe ich nicht. Aber vielleicht sollten wir endlich anfangen, uns nicht weg zu ducken und Klartext reden. Diese Menschen wollen nichts Gutes.

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